Über das Funktionieren, die Wiederentdeckung meiner sensiblen Seite und warum ich heute keine davon mehr missen möchte.
Ich galt lange als tough. Als zielstrebig, selbstsicher und belastbar. Als jemand, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Und tatsächlich habe ich mich selbst auch so erlebt.
Ich konnte viel leisten, Verantwortung übernehmen und Herausforderungen meistern. Und ich hatte Freude daran. Es gab Zeiten, da war ich fünf Tage die Woche in unterschiedlichen Städten unterwegs. Ich bin von einem Seminar zum nächsten gereist, manchmal erst gegen 22 Uhr im Hotel angekommen und morgens um 7 Uhr schon wieder ausgecheckt. Manchmal bin ich morgens aufgewacht und musste erst einmal überlegen, in welcher Stadt ich eigentlich gerade war.
Nach einem Seminartag habe ich abends noch E-Mails beantwortet. Oder Sport gemacht. Schließlich war das ja auch wichtig. Mein Alltag war durchgetaktet. Es gab immer etwas zu tun, etwas zu erledigen, etwas, das noch auf meiner Liste stand. Und so richtig gelebt habe ich eigentlich am Wochenende.
Wenn ich das heute so aufschreibe, klingt es ganz schön anstrengend. Aber damals habe ich das anders erlebt. Ich mochte meine Arbeit, das Unterwegssein, die Herausforderungen. Ich mochte es, etwas zu bewegen, Dinge anzupacken und voranzukommen. Dieses Leben hat sich für mich über viele Jahre gut und stimmig angefühlt.
Ich war ziemlich gut darin, stark zu sein. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut.
Warum das mit dem Starksein so lange funktioniert hat
Heute glaube ich, dass es einen wesentlichen Grund dafür gab, warum dieses Lebenskonzept so gut funktioniert hat. Ich habe bestimmte Seiten von mir kaum gespürt. Da gab es auch eine sensible Seite. Eine, die sich verletzlich fühlen konnte. Die manchmal unsicher war. Die Ruhe und Erholung brauchte. Aber diese Seite hatte damals wenig Raum in meinem bewussten Erleben. Ich bin häufig über meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen hinweggegangen, ohne es überhaupt zu bemerken.
Und das betraf nicht nur meine körperliche Erschöpfung.
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich eine wirklich anspruchsvolle Moderation vor mir hatte. Jemand fragte mich, ob ich aufgeregt sei. Meine spontane Antwort war: „Warum sollte ich aufgeregt sein?“ Und das war vollkommen ernst gemeint. Ich fühlte mich sicher. Ich wusste, dass ich gut vorbereitet war und meinen Job beherrschte.
Heute kann ich in einer ähnlichen Situation ganz unterschiedliche Gefühle wahrnehmen. Da ist die Vorfreude. Da ist mein Vertrauen in meine Fähigkeiten und meine Erfahrung. Und gleichzeitig gibt es vielleicht einen Teil in mir, der denkt: „Hoffentlich klappt das alles.“ Früher hätte ich vermutlich gesagt: „Alles gut, das schaffe ich schon.“ Heute kann ich sagen: „Ich freue mich darauf. Ich weiß, dass ich das kann. Und ein Teil von mir ist auch ein bisschen aufgeregt.“
Und all das darf gleichzeitig da sein.
Wenn die Erschöpfung plötzlich da ist
Besonders deutlich wurde mir dieses frühere Muster im Umgang mit meiner eigenen Energie. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich fünf Tage hintereinander Seminare gegeben habe und viel unterwegs war. Während dieser Tage war ich präsent, konzentriert und voller Energie. Ich habe meine Arbeit gemacht, war für die Menschen da und habe das mit Begeisterung getan. Und dann saß ich nach dem letzten Seminar im Zug und war plötzlich vollkommen erschöpft. Manchmal so sehr, dass kaum noch etwas ging.
Heute glaube ich, dass ich schon viel früher erschöpft gewesen sein muss. Nur habe ich es nicht wahrgenommen. Solange etwas zu tun war, habe ich weitergemacht. Erst wenn die Anspannung abfiel und nichts mehr von mir verlangt wurde, habe ich gespürt, wie viel Energie mich das alles gekostet hatte.
Manchmal endete dieses ständige Übergehen meiner Grenzen in Phasen extremer Erschöpfung. Damals habe ich das kaum hinterfragt. Es gehörte für mich irgendwie dazu.
Wie ich meine sensible Seite wiederentdeckt habe
Im Laufe meiner persönlichen Entwicklung hat sich mein Blick auf mich selbst verändert. Ich habe begonnen, mich bewusster wahrzunehmen. Meine Gefühle, meine Bedürfnisse und auch die Seiten in mir, die lange wenig Raum hatten.
Ich entdeckte meine Sensibilität auf eine neue Weise. Auch meine Verletzlichkeit und die Fähigkeit, mich manchmal unsicher oder ängstlich zu fühlen. Das war eine wichtige Entwicklung für mich.
Denn wenn man sich lange vor allem als stark, souverän und belastbar erlebt hat, ist es durchaus ungewohnt, plötzlich andere Empfindungen wahrzunehmen. Ich durfte lernen, dass ich mich sicher und unsicher fühlen kann. Dass ich mutig sein kann und gleichzeitig Angst haben darf. Dass ich voller Tatendrang sein kann und trotzdem Ruhe brauche. Und dass all diese unterschiedlichen Seiten zu mir gehören.
Je mehr ich mich darauf eingelassen habe, desto besser konnte ich verstehen, was eigentlich in mir vorgeht. Heute empfinde ich das als große Bereicherung.
Eigene Grenzen wahrnehmen: Was sich in meinem Alltag verändert hat
Wie sehr sich mein Umgang mit mir selbst verändert hat, zeigt mir eine kleine Alltagssituation, über die ich heute manchmal schmunzeln muss.
Wenn ich früher am nächsten Morgen verreisen wollte, musste der Koffer am Abend vorher gepackt sein. Egal, wie erschöpft ich war. Selbst wenn ich kaum noch Energie hatte und eigentlich nur auf dem Sofa liegen wollte, habe ich mich zum Kofferpacken aufgerafft. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. So habe ich lange gelebt.
Heute mache ich das anders. Wenn ich merke, dass ich abends erschöpft bin und Ruhe brauche, gönne ich sie mir. Und wenn der Koffer noch gepackt werden muss? Dann stelle ich mir den Wecker am nächsten Morgen eine halbe Stunde früher und packe ihn in aller Ruhe. Eigentlich ganz einfach, oder? Für mich steckt darin allerdings eine große Veränderung. Ich nehme wahr, wie es mir geht. Ich nehme mein Bedürfnis nach Ruhe ernst. Und ich finde einen Weg, der sowohl meiner Verantwortung als auch meinem Bedürfnis gerecht wird.
Auch meine Mittagspause ist mir inzwischen heilig geworden. Ich nehme mir regelmäßig Auszeiten und achte bewusster darauf, zwischendurch aufzutanken. Und etwas ist mir besonders wichtig geworden: Ich möchte Pausen machen, bevor ich sie dringend brauche. So wie wir idealerweise auch trinken, bevor wir richtig durstig sind.
Warum ich meine sensible Seite heute so schätze
Eine der schönsten Erkenntnisse auf diesem Weg war für mich, wie wertvoll meine sensible Seite eigentlich ist.
Sie war auch früher schon da. Gerade in meiner Arbeit mit Menschen konnte ich immer gut auf andere eingehen, mich einfühlen und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen. Was ich damals noch nicht so bewusst verstanden habe: Genau diese Sensibilität ermöglicht mir einen wesentlichen Teil dessen, was meine Arbeit ausmacht. Heute schätze ich diese Fähigkeit sehr. Ich kann aufmerksam wahrnehmen, was mein Gegenüber bewegt. Auch die leisen Zwischentöne hören. Mich auf unterschiedliche Menschen und ihre Gefühle einlassen.
Und ich habe noch etwas erfahren, das für mich mindestens genauso wertvoll ist. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, auch privat mehr von mir zu zeigen. Neben der souveränen, starken Julia auch die, die manchmal unsicher ist, berührt oder verletzlich. Das hat etwas verändert. Meine Freundschaften, meine Beziehungen zu anderen Menschen und meine Gespräche haben noch einmal eine andere Tiefe bekommen. Es ist eine Offenheit und Nähe entstanden, die ich heute sehr schätze.
Ich glaube, je mehr wir von uns selbst kennenlernen und zulassen können, desto mehr können wir auch anderen Menschen von uns zeigen. Und das eröffnet neue Möglichkeiten für echte Begegnung. Diese Erfahrung ist für mich unglaublich wertvoll geworden.
Was innere Stärke heute für mich bedeutet
Wenn ich heute auf mein früheres Ich schaue, dann tue ich das mit viel Wertschätzung. Meine Stärke, meine Zielstrebigkeit und meine Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen, haben mich weit gebracht. Ich habe viel erlebt, vieles aufgebaut und Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte.
Und diese starke Seite gehört weiterhin zu mir. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich heute so viel mehr von mir kenne. Die sensible Seite. Die verletzliche. Diejenige, die sich manchmal unsicher fühlt. Die Ruhe braucht oder sich Unterstützung wünscht. Ich muss keine dieser Seiten mehr ausschließen.
In meiner Arbeit als Coach erlebe ich immer wieder, wie sehr wir Menschen uns mit bestimmten Eigenschaften identifizieren. Vielleicht sind wir diejenigen, die immer stark sind. Die Verantwortung übernehmen. Die für andere da sind. Die funktionieren, auch wenn es schwierig wird. Oft haben uns genau diese Eigenschaften in unserem Leben sehr geholfen. Und gleichzeitig lohnt es sich, neugierig auf die Seiten zu werden, die bisher weniger Raum hatten.
Vielleicht gibt es da auch eine verletzliche Seite, die wir lange kaum wahrgenommen haben. Eine unsichere, eine ängstliche oder eine, die sich einfach nach Ruhe sehnt. Je besser wir diese unterschiedlichen Seiten in uns kennenlernen, desto mehr Möglichkeiten bekommen wir, bewusst mit ihnen umzugehen.
Für mich gehört das zu den wertvollsten Erfahrungen meiner persönlichen Entwicklung.
Ich bin immer noch stark. Und ich bin sensibel.
Ich kann mutig sein und gleichzeitig Angst haben. Ich kann mich sicher fühlen und manchmal unsicher. Ich kann voller Begeisterung arbeiten und eine Pause brauchen. Und ich möchte heute keine dieser Seiten mehr missen, denn sie alle gehören zu mir. Ich denke genau dort beginnt eine besondere Form von innerer Freiheit: Wenn wir uns selbst mit allem, was zu uns gehört, wahrnehmen, annehmen und wertschätzen können.
Je mehr wir in Verbindung mit uns selbst sind, desto mehr sind wir in guter Verbindung mit anderen.
Wenn du dich in meiner Geschichte wiederfindest und deine unterschiedlichen inneren Seiten besser kennenlernen möchtest, begleite ich dich gerne dabei. Mehr über meine Arbeit erfährst du auf meiner Coachingseite.






